Slow Travel – so funktioniert langsames Reisen auch auf Kurztrips

 

Slow Travel, eines der Buzzwords der letzten Reisejahre. Langsames Reisen also. Aber was heißt das genau? Slow Travel stellt den Genuss und das Eintauchen in die lokale Kultur in den Vordergrund, nicht das Abklappern von Sehenswürdigkeiten. Ausgedehnten Kontakt mit Einheimischen, den täglichen Espresso im Lieblingscafé, das Einkaufen auf dem Wochenmarkt, die Teilnahme an regionalen Veranstaltungen, das Erlernen einiger Basics in der jeweiligen Landessprache. Im Grunde geht es darum, sich eher so zu fühlen, als würde man am besuchten Ort für eine Weile leben und ihn eben nicht als Tourist besuchen.

 

So funktioniert Slow Travel auch mit wenig Zeit.

 

Viele Langzeitreisende erkunden auf diese Weise - also langsam reisend - die Welt. Sie bleiben nicht nur zwei Nächte, machen einige Schnappschüsse von beliebten Sehenswürdigkeiten, essen ausschließlich in den im Reiseführer empfohlenen Restaurants und sitzen wieder im nächsten Flieger. Sie lassen sich Zeit und sie lassen sich ein. Auf lokale Gepflogenheiten, auf neue kulinarische Eindrücke. Auf das Einkaufen im Supermarkt, obwohl nicht immer klar ist, was genau man da gerade in den Einkaufskorb legt. Dass es bei einem vierwöchigen Aufenthalt gelingt, sich einen Ort oder eine Region intensiv zu erschließen, mit den Einwohnern in Kontakt zu kommen, die ausgetretenen Touristenpfade links liegen zu lassen, das ist nicht schwer vorstellbar. Aber wie kann langsames Reisen auch mit wenig Zeit funktionieren?

 

Zehn Tipps für deine Slow Travel Kurzreise:

 

1)    Pack nicht zu viel rein in die Zeit vor Ort

 

Ich weiß, ich weiß, es ist deutlich leichter gesagt als getan, aber versuche deine Kurzreise nicht mit zu vielen Erwartungen aufzuladen. Im Reiseführer stand, es gibt zwanzig „Must See Highlights“? Mach dich locker. Wenn du sie auf einem deiner Streifzüge siehst, perfekt. Falls nicht, ist das definitiv kein Weltuntergang. Dass wir uns selbst so viel Druck machen, hat auch wieder mit Erwartungen zu tun. Und zwar mit denen anderer. „Wie jetzt, du warst in Madrid und hast den Prado nicht besichtigt?!“

Macht euch also frei von diesem „das musst du unbedingt gesehen, gemacht, gegessen, getrunken… haben“. Denn es geht auf eurer Reise um euch und niemanden sonst.

Ruhe und Genuss stehen bei Slow Travel im Vordergrund. Und das geht auf jeden Fall auch auf kurzen Reisen. Lasst euch ein auf den lokalen Rhythmus, freut euch über die frischen Croissants beim örtlichen Bäcker, lasst euch von der alten Dame an der Bushaltestelle erklären, wo es die beste heiße Schokolade gibt. Sammelt Begegnungen und keine Schnappschüsse.

 

 

2)    Wirf deinen Reiseführer weg

 

Naja, ganz so drastisch müsst ihr nicht vorgehen.

Was ich vor einer Reise oft tue, ist, morgens auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn in den Reiseführer meiner Wahl abzutauchen. Ich liebe Reiseführer, die nicht nur die Fakten über mein Reiseziel abfeuern, sondern mich tiefer in den Ort eintauchen lassen. Deshalb bin ich großer Fan von Reisemagazinen, wie z.B. GEO SPECIAL oder Merian Hefte. Schnell bekomme ich beim Blättern und Reinlesen ein Gespür für die Stadtteile, für Restaurants oder Wanderwege, die ich in den wenigen Tagen vor Ort gerne näher erkunden möchte.

Diese finden dann ihren Weg auf eine kurze Liste (die Betonung liegt auf kurz – siehe auch Punkt 1).

Vor Ort mache ich mir meist beim Abendessen Gedanken darüber, was ich gerne am nächsten Tag tun würde. In welche Ecke der Stadt oder der Region es mich zieht oder auf wieviel Ruhe beziehungsweise auf wieviel Abenteuer oder Trubel ich Lust habe.

Erst dann schaue ich, was von meiner Liste in dieser Gegend liegt und wie ich das ohne großen Aufwand (Ruhe und Genuss, ihr erinnert euch ;-)) miteinbeziehen kann.

 

 

3)    Nutze öffentliche Verkehrsmittel

 

Einen authentischen ersten Eindruck bekommst du von einem neuen Ort, wenn du dir am Flughafen, Bahnhof oder Busbahnhof kein Taxi schnappst, sondern zusammen mit Einheimischen in die Öffis steigst. Schließlich wollen wir uns nicht wie ein Tourist fühlen (und benehmen), sondern uns auf den aktuellen Ort einlassen, uns schon nach kurzer Zeit ein klein wenig so fühlen, als würden wir uns zumindest vorstellen können, hier zu wohnen. Warum also nicht gleich damit anfangen. Die wenigsten von uns nehmen sich doch zum und vom Heimat-Flughafen ein Taxi. Also, nix wie rein in den lokalen Bus und für kleines Geld ins Stadtzentrum schaukeln lassen. Oder mit dem Regionalzug in den Ort der Wahl. Oft ist die letzte Strecke zur Unterkunft gut zu Fuß zu bewältigen – die Einheimischen müssen hier ja schließlich auch zurechtkommen.

 

  

4)    Erkunde so viel wie möglich zu Fuß

 

Die Straßen und Gassen rund um die Unterkunft, Wanderwege in direkter Nachbarschaft, der großartige Park gleich um die Ecke. Es gibt so viel Spannendes zu entdecken, das wir oft übersehen, wenn wir auf dem Stadtplan nur den schnellsten Weg zur nächsten U-Bahn nachschlagen oder die Haltestelle des Hop-on-Hop-off Touristenbusses heraussuchen.

Auch wenn ihr zu Fuß unterwegs seid: steckt nicht die ganze Zeit die Nase in den Stadtplan, sonst verpasst ihr vielleicht das Beste. Denn das Beste sind oft nicht die im Reiseführer gepriesenen Sehenswürdigkeiten, sondern – je nach persönlichem Interesse – der stille Hinterhof mit den unglaublich schönen Blumenranken, das futuristische Gebäude im Bankenviertel, der Bussard, der frühmorgens direkt vor uns den Wanderweg überfliegt, das Getöse des Atlantiks gegen die Steilklippen beim Joggen am Uferweg.

All das hätten wir in einem überfüllten Touristenbus verpasst.

Bei Slow Travel steht der Genuss, das Verweilen im Augenblick im Vordergrund. Nicht das schnelle Abhaken und Abfotografieren der örtlichen Sehenswürdigkeiten.

Sind wir zu Fuß unterwegs, dann sind wir per se langsamer unterwegs. Und wir sind näher dran am Geschehen, an Gebäuden, an der Natur, an Gerüchen. Wir können die Fassade des Turms berühren, nicht nur an ihm vorbeifahren. Wir können die Düfte des Gewürzstandes auf dem Wochenmarkt einatmen und mit dem Standbesitzer plaudern, anstatt durch die Fensterscheibe des Busses ein schnelles Foto zu schießen.

Wir können und sollten uns öfters einfach mal treiben lassen

 

 

5)    Übernachte in einem Appartement oder einem kleinen Hotel, das lokal geführt wird

 

Mit großen Hotelketten ist es ja oft wie mit McDonalds oder Starbucks: Irgendwie alle gleich. Im ersten Moment nach dem Aufwachen könntest du genauso gut in Sydney, Singapur oder Stockholm sein. Deine Bettenburg sieht gleich aus – riecht gleich, bietet den gleichen Service.

Orientiere sich bei der Hotelwahl eher an klein, lokal, familiär. Boutiquehotels und Pensionen sind ideal.

Toll ist auch das Anmieten eines Zimmers in der Wohnung eines Einheimischen – so hast du oft automatisch schon die ersten lokalen Kontakte.

Der Vorteil bei der Übernachtung in einem Appartement: du kannst nach Herzenslust auf dem Markt und in Supermärkten stöbern und dich selbst in der Küche mit lokalen Zutaten austoben. Hier habe ich bei mir ein eher ungewöhnliches Verhalten festgestellt. In Deutschland stellt Lebensmittel einzukaufen ein notwendiges Übel für mich dar. Da spielt es auch keine Rolle, ob ich an einem Gemüsestand knackig-frische Auberginen aussuche oder in einem riesigen Supermarkt den Wagen volllade. Ich mach’s einfach nicht gern. Mit Kochen und Essen hingegen hab ich weniger ein Problem ;-).

Bin ich jedoch im Ausland unterwegs, kann ich mich in Supermärkten gar nicht lang genug rumtreiben. Da nochmal schauen, versuchen zu verstehen, was auf der Packung steht, huch, da hinten sah doch auch noch was spannend aus…

 

 

6)    Iss was und wann die Einheimischen essen

 

Die lokale Küche ist mit der beste Weg, in eine Kultur einzutauchen. Und damit meine ich nicht nur das Essen an sich, sondern auch die Art und Weise, wie (und wann) es zu sich genommen wird. Ein superspannendes Thema, wie ich immer wieder feststelle. Essen die Einheimischen eher früh oder sehr spät? Wird sich für ein gemeinsames Essen sehr viel Zeit genommen? Gibt es mittags ganz selbstverständlich drei Gänge und danach noch einen Kaffee? Isst man lieber mit den Händen? Oder mit Stäbchen? Probier‘s einfach mal aus. Blamieren geht nicht so schnell, wie man sich einredet und meist wird es sehr geschätzt, sich an lokalen Gegebenheiten zu orientieren.

Und außerdem ist es auch schöner, nicht komplett alleine oder nur mit anderen Touristen im Restaurant zu sitzen, weil man unbedingt die Essenszeit einhalten will, die man von zuhause gewohnt ist.

 

 

7)    Frag den Barmann, die Frau am Kiosk, den alten Mann im Park nach ihren besten Tipps

 

Anstatt nur auf Tipps aus dem Internet zu setzen, frag doch einfach mal jemanden direkt vor Ort nach seinem persönlichen Lieblingsrestaurant. Oder danach, was du unbedingt ausprobieren solltest, wenn du nur wenige Tage vor Ort bist. Meiner Erfahrung nach werden vor allem bei Letzterem oft auch direkt die komplett überbewerteten „Must See’s“ mitgenannt. Ganz nach dem Motto „wenn du nur so wenig Zeit in unserer schönen Stadt hast, dann spar dir lieber xy. Das ist deine Zeit nicht wert. Da stehst du nur mit zig anderen Touristen rum.“

Gar nicht so selten ergibt sich auch bereits auf der Hinreise (z.B. auf dem Flug) die Möglichkeit mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Auch hier lohnt es sich, nach dem Lieblingscafé, dem favorisierten Strand, dem charmantesten Stadtteil, der besten Eisdiele vor Ort zu fragen.

 

 

8)    Sei offen für Gespräche mit Einheimischen – auch dann, wenn du nicht ihre Sprache sprichst

 

In den Jahren des Reisens – egal ob alleine, als Paar oder in einer Gruppe – habe ich gelernt, dass man es immer schafft, sich irgendwie mit Einheimischen zu verständigen. Manchmal ist das anstrengend, manchmal sehr lustig. Meistens ist es einfach sehr schön. Und die Begegnungen bleiben lange im Gedächtnis.

In Madrid sitze ich morgens in einem Park und löffle einen Joghurt. Ein alter Mann setzt sich zu mir und beginnt ein Gespräch. Auf Spanisch. Was ich bis auf ein paar gängige Floskeln nicht beherrsche. Dennoch gelingt es uns für bestimmt zwanzig Minuten miteinander zu quatschen.

Auf Madeira serviert mir ein Kellner von der Insel erst drei grandiose Gänge, setzt sich dann zu mir und erzählt von seinen Ambitionen als Schriftsteller.  

An der Australischen Sunshine Coast spreche ich mit dem Kassierer im Supermarkt über seine anstehende Versetzung. Mir persönlich bleiben solche Gespräche besser in Erinnerung als der Moment vor dieser einzigartigen Sehenswürdigkeit, die ich zuvor schon auf so vielen Bildern gesehen habe.

 

 

9)    Lass dein Smartphone öfters mal in der Tasche

 

Anstatt jemanden nach dem Weg zu fragen, befragen wir lieber schnell Google Maps. Anstatt die Rezeptionistin um einen guten Restauranttipp zu bitten, schauen wir lieber bei Tripadvisor, Yelp oder Happy Cow rein. Anstatt einfach mal nur den Moment zu genießen, müssen wir unbedingt erst das grandiose Frühstück auf Instagram posten oder heischen bei unseren Freunden auf Facebook noch schnell mit einem „Weinglas vor Sonnenuntergang“ Foto um Applaus.

Tauch lieber richtig ein in den Moment, als nur über ihn zu berichten.

#latergrams sind schließlich auch beliebt ;-).

 

 

10) Nimm deine Umwelt nicht nur durch dein Kameraobjektiv wahr

 

Schöne Reisefotos sind großartig! Keine Frage. Und natürlich möchten wir schöne Momente gerne festhalten und auch den einzigartigen Ausblick, das Essen, die Gasse, in der die Pension liegt, die Treppe vorm Museum, den Kirchturm, den Platz vor der Kirche, die Auslage in der Konditorei, den Gewürzstand.

Plötzlich ist der ganze Tag vorbei und man hat nicht einen Augenblick tatsächlich wahrgenommen und im Gedächtnis gespeichert.

Das Verrückte daran ist, dass man dann auch beim Betrachten der Fotos nicht die berühmte Gänsehaut bekommt oder noch genau den Geruch des Gewürzstands in der Nase hat. Man fühlt oft gar keine Verbindung mehr zu dem Foto.

Deshalb: lass die Kamera öfters mal aus. Genieße zuerst den Augenblick, den Ausblick, saug den Geruch in dich auf und versuche erst dann, das Ganze auch fotografisch festzuhalten.

Die Kamera nicht immer schussbereit um den Hals zu tragen hat auch noch einen weiteren Vorteil. Du passt viel besser in die lokale Umgebung und erfüllst nicht schon von weitem ein Touri-Klischee.

 

 

Slow Travel Buchtipps*:

Euch hat das langsame Reisefieber gepackt und ihr wollt noch ein wenig mehr wissen? Dann lest doch hier mal rein.

(Sind übrigens auch tolle Geschenke, die drei Taschenbücher hier.)

Wer sich schwer tut, einen Gang runterzuschalten und nicht so wirklich die Erwartungen von Außen loslassen kann, findet hier vielleicht einige Anregungen. Sehr unterhaltsam ist sie auf jeden Fall, diese kleine Anleitung zum Müßiggang*.  


Gedanken zum Unterwegssein, zum Innehalten, zu (falschen) Erwartungen. Was verändert das Reisen? Was verändert uns als Reisende?

Wunderbare Lektüre für eine lange Zugfahrt*.


Das Standardwerk zum Thema Slow Travel. Geschichten, Erlebnisse, Erinnerungen aus dem Reiseleben eines genussvollen und abenteuerlustigen Müßiggängers (Kieran gründete gemeinsam mit Hodgkinson - siehe erster Buchtipp - das Magazin "The Idler", also "der Müßiggänger").  Nicht immer praxistauglich, dennoch inspirierend*.


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Kommentare: 2
  • #1

    Sabrina (Mittwoch, 18 Januar 2017 18:42)

    Ein paar Sachen davon werd ich sicher mal ausprobieren.

  • #2

    Dag (Aber bitte mit Meerblick) (Donnerstag, 19 Januar 2017 10:29)

    Ich kann's wirklich nur empfehlen, Sabrina :-)!

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